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Vier
Arbeitsbereiche der Medizinischen Flüchtlingshilfe
1. Die Medizinische Flüchtlingshilfe behandelt
Illegalisierte kostenlos und anonym
Frau D. ist heute 21 Jahre
alt. Vor acht Jahren kam sie in Begleitung ihrer Eltern aus dem türkischen
Teil Kurdistans nach Deutschland, nachdem das Dorf, in dem die Familie
lebte, von türkischen Militärs niedergebrannt worden war. Zwei
Geschwister verloren bei dem Überfall ihr Leben, zwei weitere gingen
in die Berge, um sich der Guerilla anzuschließen. In Istanbul, wo
die Familie vorübergehend unter falschem Namen Zuflucht gesucht hatte,
wurde der Vater mehrfach verhaftet und ebenfalls der Unterstützung
der PKK bezichtigt. 1993 floh die Familie weiter nach Deutschland. Sechs
Jahre später wurden die Asylanträge der Familie abgelehnt. Begründung:
Die Familie konnte die Inhaftierung des Vaters nicht ausreichend belegen,
da sie nicht unter seiner im Asylverfahren angegebenen Identität
stattgefunden hatte.
Nach einer vorzeitig gescheiterten Ehe ist Frau D. heute ohne legalen
Aufenthaltsstatus. Sie versteckt sich bei FreundInnen und meidet jeden
unnötigen Kontakt mit der Außenwelt.
Seit einigen Tagen liegt Frau D. mit hohem Fieber, Schüttelfrost,
Atembeschwerden, Husten und atemabhängigen Schmerzen im Bett. Eine
anfängliche Erkältungskrankheit hat sich kurzfristig rapide
verschlechtert - eine Praxis aufzusuchen hat sich Frau D. nicht getraut.
Zu groß ist die Gefahr, bei den Behörden denunziert und umgehend
abgeschoben zu werden. Eine Freundin ruft bei der Medizinischen Flüchtlingshilfe
in Bochum an. Nach einer kurzen Untersuchung wird Frau D. umgehend an
eine Praxis in ihrer Nähe überwiesen, die sich zur Zusammenarbeit
mit der Medizinischen Flüchtlingshilfe verpflichtet hat. Frau D.
wird kostenlos und anonym behandelt. Die Behörden erfahren kein Wort.
2. Die Medizinische Flüchtlingshilfe erkämpft
Behandlungen, die nach Asylbewerberleistungsgesetz verweigert werden
Herr Q. ist gerade volljährig
geworden. Seit einem halben Jahr hält er sich legal in Deutschland
auf. Er ist von den Söldnern der angolanischen UNITA desertiert,
die ihn bereits als 12-jährigen in ihre Armee gezwungen hatten. Nach
seiner Flucht hat er sofort in Deutschland einen Antrag auf politisches
Asyl gestellt.
Im angolanischen Bürgerkrieg hat Herr Q. nicht nur seine Jugend und
seine Familie verloren. Die Explosion einer Landmine zerstörte ihm
die linke Hälfte seines Gesichtes und riss ihm ein Ohr ab. Auf dem
linken Auge ist er seither blind, auf dem rechten blieb ein Teil der Sehkraft
erhalten. Obgleich sein Antrag auf Asyl wenig Aussicht auf Anerkennung
verspricht, ist Herr Q. verhalten optimistisch. Er kann sich nicht vorstellen,
nach allem, was er erlitten hat, kein Asyl zu erhalten. Systematisch versucht
Herr Q., in Deutschland ein Leben als Zivilist zu erlernen. Er trifft
sich mit FreundInnen und Bekannten, lernt so gut es geht die deutsche
Sprache und möchte baldmöglichst eine Ausbildung als Krankenpfleger
nachholen. Doch sein sehnlichster Wunsch ist es, irgendwann eine Frau
kennen zu lernen, die mit ihm zusammen eine Familie gründen mag.
Doch Herr Q. ist entstellt. Die Narben der Minenexplosion verzerren sein
jugendliches Gesicht, und Herr Q. ist überzeugt, dass seine Mitmenschen
sich vor ihm ekeln oder Angst vor ihm haben. Sein Versuch, die Kostenübernahme
für eine kosmetische Operation durch das Sozialamt bewilligt zu bekommen,
schlug fehl. Ein Gutachten des Gesundheitsamtes wies die Notwendigkeit
einer Operation zurück. Denn nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
steht Herrn Q. nur dann eine medizinische Behandlung zu, wenn eine akute
Notfallsituation oder die mögliche Verschlechterung einer Erkrankung
dies erfordert.
Als Herr Q. die Sprechstunde der Medizinischen Flüchtlingshilfe aufsucht,
sind bereits die ersten Anzeichen einer deutlich depressiven Grundstimmung
erkennbar. Nach einem längeren Gespräch wird Herr Q. zunächst
in eine psychologische Beratung aufgenommen. Gleichzeitig kümmern
sich MitarbeiterInnen der Medizinischen Flüchtlingshilfe um Verhandlungen
mit dem Sozialamt. Ein niedergelassener Psychotherapeut erstellt ein kostenloses
Gutachten über den Grad der psychischen Beeinträchtigung, die
Herr Q. durch die Entstellung erfährt. Nach einigen Wochen gelingt
es, die Kostenübernahme zu sichern und Herrn Q. die dringend notwendige
Operation zu ermöglichen.
3. Die Medizinische Flüchtlingshilfe liefert fachkundige
Gutachten in Asylprozessen
Herr P. kommt aus dem Iran.
Zu Fuß ist er über die kurdischen Berge in die Türkei
geflüchtet, als seine erneute Verhaftung unmittelbar bevorstand.
Bereits dreimal befand sich Herr P. in den Händen der Geheimpolizei.
Das erste Mal wurde er während der studentischen Proteste 1998 verhaftet
und schwer gefoltert. Jetzt wird er wegen eines systemkritischen Artikels
gesucht, den er in einer selbstverlegten Zeitung unter einem Pseudonym
veröffentlichte. Als die Revolutionswächter das Studentenwohnheim
stürmten, war Herr P. gerade bei Freunden. Umgehend machte er sich
auf den Weg, das Land in Richtung Europa zu verlassen.
Mehrere Anläufe, sich von Istanbul aus nach Deutschland schleusen
zu lassen, schlugen fehl. Immer wieder wurde Herr P. von Bulgarien, Italien
und der Schweiz aus in die Türkei zurückgeschoben, wo er ebenfalls
einige Wochen im Gefängnis zubrachte. Beim fünften Anlauf hat
Herr P. es nunmehr geschafft, die Bundesrepublik zu erreichen, wo bereits
Verwandte von ihm leben. Er ist in einem Sammellager untergebracht und
hat einen Antrag auf politisches Asyl gestellt.
Doch Herr P. hat große Schwierigkeiten, die erlittene Verfolgung
nachzuweisen. Über seine Verhaftungen besitzt er keinerlei Dokumente,
und den Beweis, dass er der Autor des Demokratisierungsaufrufes ist, aufgrund
dessen die Zeitung verboten wurde, kann er nur indirekt erbringen.
Die Anwältin von Herrn P. ruft die Medizinische Flüchtlingshilfe
an. Für sein Asylverfahren benötigt Herr P. ein Gutachten, das
geeignet ist, den Nachweis über erlittene Folter zu dokumentieren.
Herr P. stellt sich bei einem chirurgischen Arzt vor, der mit der Medizinischen
Flüchtlingshilfe zusammenarbeitet und Erfahrung in der Einschätzung
von Folterspuren aufweist. Im Gespräch mit einem Psychotherapeuten
der Medizinischen Flüchtlingshilfe, der sich auf die Therapie von
Folteropfern spezialisiert hat, erzählt Herr P. aus der Haft. Die
Medizinische Flüchtlingshilfe liefert die Gutachten, die Herrn P.
seine Anerkennung als Opfer politischer Verfolgung ermöglichen.
4. Die Medizinische Flüchtlingshilfe behandelt
Folteropfer
Frau V. ist seit neun Jahren
deutsche Staatsbürgerin. Als sie 1974 aus Chile in die Bundesrepublik
flüchtete, hätte sie niemals gedacht, dass sie nicht wieder
in ihr Heimatland zurückkehren würde. Ihre beiden hier geborenen
Kinder haben mittlerweile ein Hochschulstudium begonnen, und Frau V. hat
ihren früheren Beruf als Laborantin wieder aufgenommen. In den ersten
Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte sich Frau V. noch exilpolitisch
gegen die Unterdrückung in ihrer Heimat engagiert, doch seit der
Geburt ihrer ersten Tochter traten die Ereignisse, die sie seinerzeit
nach Deutschland trieben, schrittweise in den Hintergrund. Bis zu jenem
Tag im Herbst 1998, als Pinochet, der ehemalige Diktator Chiles, in London
verhaftet wurde. Gemeinsam mit anderen erstattete auch Frau V. Anzeige
wegen Entführung, Folter und Vergewaltigung durch die Schergen der
Diktatur. Die alten Erinnerungen wurden von neuem lebendig und erhielten
mit jedem Tag der Unklarheit darüber, ob Pinochet doch ein weiteres
Mal straflos davonkommen könnte, neue Nahrung. Zuerst begannen die
Alpträume und Schlafstörungen zurückzukehren, dann erfassten
sie die alten Ängste auch bei Tag. Immer öfter blieb sie der
Arbeit fern und konnte doch auch zuhause nicht alleine sein.
Mit Psychopharmaka, die ihr von hilflosen Ärzten verschrieben worden
waren, rettete sich Frau V. über den Tag, bis sie sich schließlich
auf Anraten ihrer Tochter an die Medizinische Flüchtlingshilfe wandte.
Die Medizinische Flüchtlingshilfe bietet in NRW eine der wenigen
fachkundigen Therapiemöglichkeiten für Folteropfer. Heute nimmt
Frau V. regelmäßig 14-tägig nach Feierabend dieses Angebot
wahr. Psychopharmaka benötigt sie nicht mehr.
(Knut Rauchfuss)
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