Presseerklärung
Dienstag, 03.02.2004
Folter - Trauma - Gerechtigkeit heilt !
Veranstaltungsankündigung
Die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum arbeitet seit Jahren mit Menschen,
die schwerste Menschenrechtsverletzungen überlebt haben. Heute wohnen sie
als Flüchtlinge im Ruhrgebiet, doch für zahlreiche Menschen schafft die
Flucht an diesen neuen Ort nicht die erwünschte Erlösung. Das Erlittene
reist mit ihnen und in ihnen.
Wie können Menschen nach Folter und Repression weiterleben? Nachdem sie
selbst, Verwandte oder FreundInnen verhaftet und gefoltert wurden? Wie
schaffen es Menschen, wieder zu leben? Und wer hilft ihnen? Sie sich selbst?
Ihre Familie, Nachbarn oder Freunde? Die Gruppe, Gemeinde oder Organisation?
Traditionelle Heiler? Oder professionelle Helfer? Und was hilft ihnen dabei?
Einzel- oder Gruppentherapie? Experimentelle Spielräume? Die offizielle
Anerkennung ihres Leids? Die "Wiedergutmachung", die Entschädigung? Die
Bestrafung der Täter? Die Verschaffung einer Aufenthaltsgenehmigung, eine
gesicherte ökonomische Existenz?
Im Spannungsfeld all dieser Fragen spielt sich die psychosoziale Arbeit mit
Flüchtlingen ab. Als sozialmedizinische Menschenrechtsorganisation arbeitet
die Medizinische Flüchtlingshilfe daher niemals allein medizinisch,
psychologisch oder ausschließlich politisch, sondern sie hat stets jedes
dieser Felder gleichzeitig im Auge.
Die Veranstaltungsreihe "Folter - Trauma - Gerechtigkeit heilt!" soll die
unterschiedlichen Aspekte dieser Arbeit beleuchten und der Forderung nach
einem Bochumer Therapiezentrum für Überlebende von Folter und Krieg
Nachdruck verleihen.
Do 05. - Mi 11.02.2004, 18:00 Uhr, Bahnhof Langendreer, endstation.kino:
"Junta" (Spielfilm)
Arg / I 1999, R: Marco Bechis. B: Marco Bechis, Lara Fremder. Mit: Antonella
Costa, Carlos Echeverría, Dominique Sanda. 98 Min OmU
Buenos Aires zurzeit der Militärdiktatur: Die Studentin María wird von der
Geheimpolizei in eine stillgelegte Autowerkstatt verschleppt. Dort trifft
sie auf Felix, ihren verschlossenen und in sie verliebten Mitbewohner: er
ist der "Verhör"-Spezialist. Während sich daraus eine kaum vorstellbare
Beziehung aus Macht, Zuneigung, Folter und Überlebenswillen entwickelt,
versucht Marías Mutter mit allen Mitteln, ihre Tochter zu finden. Marías
Spur endet über dem Meer; sie teilt das Schicksal von ca. 30.000
"Verschwundenen" während der Diktatur. Die Rahmenhandlung zu "Junta" ist
eine wahre Geschichte.
Der Film wird bis zum 11.02.2004 täglich gezeigt.
Do 05.02.2004, 20:00 Uhr, Bahnhof Langendreer, Raum 6:
Esteban Cuya: "Gerechtigkeit heilt - Der Kampf gegen Straflosigkeit in Argentinien"
Esteban Cuya vom Nürnberger Menschenrechtszentrum wird über den Kampf gegen
Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen in Argentinien informieren. Noch
heute wird von Menschenrechtsorganisationen und Anwaltsvereinigungen ebenso,
wie von breiten Teilen der Öffentlichkeit, mit großem Trickreichtum, einem
hohen Maß an Akribie und einem langen Atem versucht, die Schicksale der
Diktaturopfer aufzuklären, Überlebende zu rehabilitieren und die Täter vor
Gericht zu stellen. Hierzulande meist unbekannt ist die Tatsache, dass unter
den Verschwundenen und Ermordeten der argentinischen Diktatur auch etwa
hundert Deutsche waren, um deren Überleben sich die damalige Regierung der
Bundesrepublik nicht scherte. Heute klagen die Angehörigen dieser Opfer vor
deutschen Gerichten gegen die Generäle und Folterknechte. Das Nürnberger
Menschenrechtszentrum hat diese Anklagen durch seine Unterstützung überhaupt
erst möglich gemacht.
Di 10.02.2004, 20:00 Uhr, Bahnhof Langendreer, Raum 6: Hans Keilson:
"Sequentielle Traumatisierung"
Der seit seiner Flucht vor dem deutschen Faschismus in den Niederlanden
lebende jüdische Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson
prägte 1979 die Sichtweise, "Trauma" nicht länger als ein einzelnes
Ereignis, sondern als Abfolge traumatischer Sequenzen unterschiedlichen
Charakters und unterschiedlicher Bedeutung zu interpretieren. Dabei ist für
die individuellen Folgen nicht nur entscheidend, was initial erlebt wurde,
sondern was auf das traumatische Ereignis selbst folgte. Das Trauma wird
darüber zum Produkt eines über Jahre hinweg andauernden politischen,
sozialen und individuellen Prozesses, der auch die kommenden Generationen
noch erfassen kann.
Für Flüchtlinge enden Traumatisierungsprozesse nicht mit Kriegsende,
Haftentlassung oder dem gelungenen Versuch, die Kriegs- oder Krisenregion zu
verlassen. Daher arbeitet auch die Medizinische Flüchtlingshilfe mit
Keilsons Konzept, Trauma als psychosozialen Prozess wahrzunehmen. Die
Überlebenssituation von Flüchtlingen in der Bundesrepublik Deutschland
bedeutet für den traumatischen Prozess eine Institutionalisierung der
Ohnmachtssituation. Menschenunwürdige Unterbringungsbedingungen,
Arbeitsverbot, nahezu fehlende soziale Unterstützung und ein auf
Notfallversorgung beschränkter medizinischer Behandlungsanspruch, unsichere
Aufenthaltsbedingungen, gekoppelt an die permanente Bedrohung, abgeschoben
zu werden, und Ausgrenzungspraktiken - durch staatliche Behörden ebenso wie
durch das abwehrende und abweisende gesellschaftliche Umfeld - verursachen,
beschleunigen oder begünstigen die Entstehung traumatischer Symptome oder
verhindern systematisch jede Aussicht auf Besserung.
Nach seiner Zeit im niederländischen Widerstand gründete Hans Keilson die
jüdische Waisenorganisation "Le Ezrat Ha Jeled". Er gilt als einer der
Pioniere der Traumatherapie.
Mo 02.02. - So 15.02.2004, täglich ab 18.00 Uhr, Bahnhof Langendreer,
endstation.kinocafé:
Ausstellung "Nicht die Erde hat sie verschluckt"
Die Veranstaltungen werden durch eine Fotoausstellung des Nürnberger
Menschenrechtszentrums begleitet, die den Kampf gegen Straflosigkeit
dokumentiert. Die Ausstellung "Nicht die Erde hat sie verschluckt" widmet
sich der internationalen Strafgerichtsbarkeit gegen Menschenrechtsverbrechen
am Beispiel der deutschen Verschwundenen in Argentinien während der
Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Einige dieser Fälle wurden in Deutschland
zur Anzeige gebracht. Neben Hintergrundinformationen zur politischen Lage
nach dem Militärputsch wird auf die psychosozialen Konsequenzen der
Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen eingegangen.
Zur Kampagne gegen die Straflosigkeit "Gerechtigkeit heilt !":
<http://www.bo-alternativ.de/mfh/kampagne/index.html>
Für Nachfragen erreichen Sie Knut Rauchfuss unter 0177-8127375 oder
0201-7995-1165