Presseerklärung
Dienstag, 3. Juli 2001


Flüchtlingsinitiativen fordern "Papiere jetzt! – Gleiche Rechte für Alle!"

Süssmuth-Kommission stellt Empfehlungen zur Zuwanderung vor
Legalisierung von Flüchtlingen ohne Papiere bleibt Tabuthema
Medizinische Flüchtlingshilfe initiiert Legalisierungskampagne
Initiativen legen Entwurf für Amnestiegesetz vor

Am kommenden Mittwoch wird die Kommission für Zuwanderung ihren Bericht der Öffentlichkeit vorstellen. Bereits im Vorfeld waren die Inhalte des Berichtes durch Vorabpublikationen Gegenstand einer öffentlichen Debatte. In dieser wurde deutlich, dass die Empfehlungen der Kommission weit hinter die Erwartungen jener zurückfallen, die bereits seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig sind.
So betont die Kommission zwar die Notwendigkeit von Einwanderung und führt Kriterien auf, wie diese in der Praxis zu gestalten sei, schweigt sich aber hartnäckig aus, zur Zukunft jener, die bereits in der Bundesrepublik leben, jedoch keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen.
"Sie sind 'illegal' in den Augen der Behörden und Gerichte, doch ihr Verbrechen besteht in ihrer bloßen Existenz auf deutschem Boden. Denn ihnen fehlt ein Stück Papier: die Aufenthaltsgenehmigung", heißt es in einer Konferenzeinladung der Medizinischen Flüchtlingshilfe, der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke und des Ludwig-Quidde Forums, der ca. 70 VertreterInnen von Flüchtlings- und Menscherrechtsgruppen am 23. Juni nach Bochum folgten.
Flüchtlinge ohne Papiere, so der Aufruf weiter, "werden in die Illegalität gedrängt. Die ständige Furcht vor Entdeckung und Abschiebung prägt das Leben in der Schattenwelt. Für 'Illegalisierte' verlaufen die zu überwindenden Grenzen durch den Alltag. Illegalisierung bedeutet, kein Zugang zu allem, wo Papiere verlangt werden könnten. 'Illegalität' heißt völlige Rechtlosigkeit: rechtlos gegenüber Behörden, ArbeitgeberInnen und VermieterInnen und schutzlos gegenüber jeder Art von Krankheit." Flüchtlingsgruppen fordern seit Jahren die Legalisierung von MigrantInnen ohne Papiere.
Auf der Bochumer Konferenz beschäftigten sich Gruppen und Organisationen aus dem gesamten Bundesgebiet mit Legalisierungsmaßnahmen in andern Ländern der EU, wo viele Hunderttausend einen legalen Aufenthalt erhielten. Anwesende RepräsentantInnen von Flüchtlingsorganisationen aus Belgien, Frankreich, Spanien und Italien berichteten von ihren Erfahrungen.
Am Ende der Konferenz stand ein Kriterienkatalog für eine Legalisierung, der als Grundlage für eine Kampagne verabschiedet wurde. Diese "Bochumer Resolution" enthält die Forderung nach einer Amnestie für all jene, die seit mehr als einem halben Jahr ohne Papiere in der Bundesrepublik leben. Unter dem Motto "Gleiche Rechte für Alle" forderten die TeilnehmerInnen die unterschiedslose Gültigkeit von Bürger- und Menschenrechten für alle EinwohnerInnen, ungeachtet ihres jeweiligen Aufenthaltsstatus.
Die über hundert UnterzeichnerInnen der Bochumer Resolution werden in den kommenden Monaten mit Aktionen und der Sammlung weiterer Unterschriften die Legalisierungskampagne weiter vorantreiben.

Der Forderungskatalog für eine Legalisierungskampagne liegt dieser Presseerklärung als Anlage bei.

Für Nachfragen erreichen Sie Knut Rauchfuss unter 0177-8127375 oder 0201-7995-1165.



Abschlusserklärung der Konferenz "Papiere jetzt!" am 23.6.01 in Bochum
Papiere jetzt – Gleiche Rechte für Alle!

Für die umgehende Legalisierung von Flüchtlingen ohne Papiere

"Der Pass ist das edelste Stück des Menschen" - dieser zynische Spruch ist die bittere Wahrheit für Hunderttausende von Menschen, die in Deutschland leben. Sie sind "illegal" in den Augen der Behörden und Gerichte, doch ihr Verbrechen besteht in ihrer bloßen Existenz auf deutschem Boden. Denn ihnen fehlt ein Stück Papier: die Aufenthaltsgenehmigung.
Menschen ohne Papiere werden wie Kriminelle behandelt, leben jedoch oftmals schon seit vielen Jahren unbescholten in der Bundesrepublik. Ohne jeden rechtlichen Schutz sind sie ihrerseits völlig machtlos gegenüber Kriminalität, Ausbeutung, Armut und Krankheit. Tagtäglich werden ihre fundamentalen Menschenrechte (wie sie z.B. die Europäische Menschenrechtskonvention formuliert) verletzt.
Während die Bundesregierung, die konservative Opposition und WirtschaftsvertreterInnen im Gleichklang die Notwendigkeit von Einwanderung für die Bilanzen der Märkte und der Bevölkerungsstatistik propagieren, bleiben jene, die in diesem Rahmen keiner Verwertbarkeit unterliegen, außerhalb der öffentlichen Debatte. Wann immer das Thema die Bühne staatlicher Politik erreicht, sind die Debatten auf die Abwehr "illegaler" Einwanderung und die Abschiebung der zuvor Illegalisierten ausgerichtet. Obgleich es in einigen umliegenden europäischen Ländern gelang, MigrantInnen ohne Papiere in unterschiedlichem Ausmaß Wege zum legalen Aufenthalt zu eröffnen, ist in der Bundesrepublik Deutschland von Seiten der offiziellen Politik bislang kein Vorstoß zur Legalisierung von Flüchtlingen ohne Papiere unternommen worden.
Die unterzeichnenden Personen, Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen nehmen dies zum Anlass, umso lauter ein Legalisierungsprogramm zu fordern, das die nachfolgend aufgeführten Punkte einschließen muss:

a) Gleiche Rechte für Alle
Abschaffung sämtlicher diskriminierender Sondergesetze und -normen. Dazu sind als erste Schritte notwendig:
· die sofortige Erteilung einer Arbeitsgenehmigung ohne Durchführung einer Bedarfsprüfung, einschließlich des Rechtes auf selbstständige Arbeit und der Beschäftigung im öffentlichen Dienst
· die Sicherung des Zugangs zu medizinischer Regelversorgung in vollem Umfang mit speziellem Rechtsanspruch auf Bereitstellung eines Therapieplatzes für traumatisierte Gewaltopfer
· die Gewährleistung des Rechtes auf Bildung, einschließlich der Möglichkeit des Universitätsbesuches und des Bezuges staatlicher Ausbildungsförderung
· die Aufnahme in Sozialversicherungssysteme und Anspruch auf den Bezug von Sozialleistungen in vollem Umfang
· die Ausdehnung der Geltung verfassungsmäßiger Grundrechte – wie des Wahlrechts - auf alle EinwohnerInnen der Bundesrepublik Deutschland
· die Gewährleistung des Rechtes auf freie Wahl des Aufenthaltsortes
· die Sicherung des Rechtes auf Familienzusammenführung
· die Abschaffung des Vollzugs aufenthaltsbeendender Maßnahmen
· die verpflichtende Bereitstellung von Integrationshilfen
· die Gewährleistung des Rechtes auf gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung mit Einrichtung entsprechender dezentraler Beratungs- und Beschwerdestellen
· die Ratifizierung der "UN-Konvention zum Schutze der Rechte von Wanderarbeitern und ihren Familienangehörigen" von 1990 und die Aufhebung der deutschen Vorbehalte zur UN-Kinderrechtskonvention von 1992

b) Legalisierung von MigrantInnen ohne Papiere
· die Erteilung einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung als Amnestie für alle MigrantInnen ohne legalen Status, die sich zu einem festzulegenden Stichtag in der BRD befinden und sich seit mehr als einem halben Jahr hier aufhalten.
· den Verzicht auf eine langwierige Einzelfallprüfung im Rahmen der Amnestie. Wer den Kriterien genügt, muss automatisch das Recht auf einen Status erhalten. Das eigentliche Antragsverfahren dient damit nicht mehr dem Erwerb des Rechtsstatus, sondern nur noch dessen formaler Festschreibung, so dass auch Menschen, die diese Festschreibung noch nicht vollzogen haben, bereits als "legal" zu gelten haben.
· die regelmäßige Legalisierung auf Einzelantrag für MigrantInnen, die sich seit mehr als einem halben Jahr in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten, durch Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung.
· die sofortige Legalisierung auf Antrag für Opfer von Gewaltverbrechen, von Ausbeutung durch Schleuser und von Zwangsprostitution
· die sofortige Legalisierung auf Antrag für Kinder
· einen umfassenden Abschiebeschutz für AntragstellerInnen, deren Aufenthaltsort mit dem Antrag den Behörden bekannt geworden ist und die die Kriterien für eine Legalisierung nicht erfüllen.
· die Gewährleistung einer ausreichenden, mehrsprachigen Ankündigung der Programme bei gleichzeitiger Bereitstellung von ausführlicher dezentraler Beratung in notwendigem Umfang in nichtstaatlichen Einrichtungen.

c) Asylrecht:
· die Wiederherstellung des Artikel 16 GG im ursprünglichen Geist des verfassungsmäßigen individuellen Rechtsanspruches auf Asyl, wie er vor der Asylrechtsänderung vom Dezember 1992 bestand. D.h., die Absätze (2) bis (5) des Art. 16a GG sind ersatzlos zu streichen.
· die Ausweitung der Begriffsdefinition politischer Verfolgung, die als Anspruch nach Artikel 16a GG die Gewährung von Asyl auch für geschlechtsspezifische und für nichtstaatliche Verfolgung garantieren muss.
· die Berücksichtigung spezifischer mit Fluchtbiografien verbundener Probleme von AntragstellerInnen bei der Durchführung des Verfahrens (z.B. besondere Rücksichtnahme auf traumatisierte Flüchtlinge).
· die Gewährleistung einer institutionalisierten psychosozialen Betreuung der AntragstellerInnen von Beginn des Verfahrens an.
· die von staatlicher Seite garantierte Bereitstellung eines Rechtsbeistands. Dies schließt die Finanzierung des Verfahrens in vollem Umfang durch Übernahme von Prozess- und Anwaltskosten ein.
· die Anpassung der Fristen im Asylverfahren an die gängige Praxis in anderen Verfahren. Bestehende Fristen dürfen das Beibringen von Beweismitteln nicht erschweren.
· den besonderen Schutz von AntragstellerInnen vor Schäden die in der Unübersichtlichkeit des Verfahrens begründet sind. Fahrlässigkeit und Gutgläubigkeit ebenso wie verfahrensbeeinflussende Fehler durch Verschulden Dritter müssen einem Abschluss des Verfahrens entgegenstehen oder zu dessen unverzüglicher Wiederaufnahme führen.
· die Behandlung von unter 18-Jährigen als Kinder gemäß Artikel 1 der UN-Kinderkonvention.

d) Einwanderung:
· die Eröffnung anderer legaler Einwanderungswege für nicht politisch Verfolgte, unabhängig vom jeweiligen ökonomischen Bedarf.

AK-Asyl Oldenburg; Alex Wagner (JungdemokratInnen/Junge Linke Hessen); Ali Kaplan (Journalist, Bochum); André Alegre (Bremen); Andreas Beisbart (Büren-Gruppe Paderborn); Andreas van Baaijen (Wuppertal); Angela Happel (Bochum); Asociación Niñ@s del Fortin, León, Nicaragua; Asociación SOYDELEON, León, Nicaragua; Asociación Trabajadores Samaritáneos ASB, Alemania; Assyrische Union Berlin e.V.; AStA der Ruhr-Universität Bochum; Astrid Keller (Mitglied des Rates der Stadt Dortmund, Linkes Bündnis); Attila Yesil (Arzt, Bochum); Ayuda para los Niños de Nicaragua - APNN (Hamburg); Aziz Said (Berlin); Basergan, Kamil (Sozialarbeiter, Düsseldorf); Cahid Ülker (Studentin, Bochum); Carmen Fritz (Studentin, Bochum); Carsten Hübner (PDS-MdB); Celal Abbas Kömür (Köln); Centro FELIX VARELA Rüsselsheim; Dagmar Wolf (Eine Welt Promotorin, Bochum); Detlev Knocke (Journalist, Pressebüro-Nachrichten gegen Rassismus, Köln); Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinte KriegsgegnerInnen Bochum; Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinte KriegsgegnerInnen NRW; Dorothée Menzner (PDS-Landesvorsitzende Niedersachsen); Dr. Evelin Wittich (RLS); Dr. Lutz Brangsch (RLS); Prof. Michael Brie (RLS); Dr. Jürgen Steidinger (Arzt, Städtepartnerschaft Hamburg-León, Nicaragua); Dr. med. Anke Kleinemeier (Verein für solidarische Perspektiven, Hamburg); Dr. med. Christian Haasen (Verein für solidarische Perspektiven, Hamburg); Dr. Peter Schröder (Arzt, Freiburg); Dr. Winfried Wolf (MdB PDS); Elke Koling (Ärztin, Bochum); Felix Oekentorp (Bochum); Florian Weis (Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin); Forum südliches Afrika Freiburg; Frank Fiedler (Ulm); Frank Laubenburg (Stadtrat im Rat der Stadt Düsseldorf); Franziska Markovic (Mitglied des Landesvorstandes der PDS Niedersachsen); G. Stemmann (Antifa-Unterstützer, Bochum); Gabriele Giesecke (Ratsfrau PDS, Essen); Gabriele Riedl (Mitglied des Rates der Stadt Bochum, Grüne Fraktion); Gernot Schubert (Unabhängiges Radio Bochum); Giesela Pentecker (Türkeibeauftragte der IPPNW); Heiko Balsmeyer (PDS-Bundestagsfraktion); Helen Schwenken (wiss. Mitarbeiterin Universität GH Kassel, FB 5, Migrationsforschung); Helene von Brodorotti (Ökumenische Flüchtlingsinitiative Neviges); Holger Förster (Geschäftsführer VIA Berlin-Brandenburg); Informationsbüro Nicaragua e.V.; Initiative "BürgerInnen beobachten den BGS" (Dortmund); IPPNW (Gruppe Bochum/Dortmund); Isgard Lechleitner (Oldenburg); Ismail Kaplan (Schauspieler, Bochum); Johannes Bock (stellv. Vorsitzender ASTA der Uni Bochum); José Ramírez Voltaire (Rüsselsheim); JungdemokratInnen/Junge Linke NRW; Jürgen Detjen (Verleger, Mitglied im Rat der Stadt Köln); Jürgen Plagge-Vandelaar (Bochum); Karin Plagge (Personalbetriebswirtin, Bochum); Katja Müller (Bremen); Klaus Heller (Friedensgruppe Daun); Knud Vöcking (LaVo PDS NRW); Knut Rauchfuss (Arzt, Bochum); Komité Médicos Alemanes para Tercer Mundo (Frankfurt); Kurt Gerhard Feisel (Gefängnispfarrer, Wuppertal); Langer August e.V. (Dortmund); Ludwig Quidde Forum; Martin Budich (Linkes Netzwerk Bochum); Martina Flaspöhler (Bochum); Matthias Hellweg (Dialog International e.V. Düsseldorf); Marlies Isernhinke (Sozialarbeiterin, Flüchtlingsberatungsstelle Ahlen); Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.; Mehmet Dilek (Bündnis 90/Die Grünen); Michael Kind (Landesvorstand JungdemokratInnen/Junge Linke, Ahlen); Mustafa Calikoglu (Sozialarbeiter, Bochum); Nadia Leihs (Journalistin, Dortmund); Nord-Süd-Büro Bochum; OASE Pankow e.V. Berlin; Ostermarsch Komitee Ruhr; Paul Stegmann (Velbert); PDS-Dortmund; PDS-NRW; Promondial - Organisation für emanzipatorische Zusammenarbeit e.V.; Redaktion Sozialistische Zeitung; Reinhard Wegener (Abteilung Politik im Bahnhof Langendreer, Bochum); Reinhold Kühnrich (Mitglied des Rates der Stadt Oldenburg); remedio e.V.; Rosa Luxemburg Stiftung; Sabine Bungart (Dipl. Biologin, Bochum); Sidika Tekeli-Yesil (Physiotherapeutin, Bochum); [´solid] - die sozialistische jugend (NRW); Susanne Zwingel (Politologin, Bochum); Thomas v. der Osten-Sacken (WADI e. V.); Thuy Nonnemann (Landesarbeitsgemeinschaft Migration der Berliner SPD); Türkei Kurdistan Koordination im Fachbereich Außenpolitik von Bündnis 90 / Die Grünen; Udo Wolter (Publizist / jour fixe-initiative, Berlin); Ulf Baumgärtner (Informationsstelle El Salvador e.V.); Ulla Jelpke (MdB); Ulrich Brand (Uni/Gh Kassel, BUKO - Bundeskongress entwicklungspolit. Aktionsgruppen); Verband der Initiativgruppen in der Ausländerarbeit Berlin-Brandenburg e.V.; Vietnam Haus Berlin e.V.; Volker Gewers (Sozialarbeiter, Bochum); Wissenschaftlich-humanitäres Komitee (Regionalgruppe Ruhrgebiet); Zentralamerikakomitee Bochum