Tag der Menschenrechte
Sind Flüchtlinge auch Mensch?

Asylbewerberheim, Ohler Str. 100,
58840 Plettenberg, den 10.12.2003


Liebe Plettenberger Bürger!

Bitte schenken Sie uns am Tag der Menschenrechte einen Moment Gehör und Verständnis, denn den meisten Flüchtlingen in Ihrer Stadt geht es schlecht.

1. Glaube an das Recht: Die meisten von uns sind vor kriegerischen und politischen Konflikten und Gefahren geflüchtet. Aus Angst um unsere Zukunft und unser Leben sind wir nach Deutschland geflüchtet, weil wir von der guten Demokratie gehört haben. Aber wir wurden sehr enttäuscht, weil fast allen nicht geglaubt wurde, oder die Flucht vor Krieg nicht als Asylgrund anerkannt wurde. Vor dem Unrecht in unseren Heimatländern mussten wir fliehen und hier erhalten wir auch keine Rechte. Wir verstehen nicht, warum so viel Arbeit für die Gerichtsverfahren geleistet wird, wenn uns doch nicht geglaubt wird und wir nicht akzeptiert werden.

2. Sicherheit: Vor der lebensgefährlichen Unsicherheit in unseren Heimatländern sind wir geflohen. Aber hier leben wir eng zusammengepfercht in einem Teil einer großen Sammelunterkunft, die zu einem Teil leer stehen soll und in der es in den letzten Monaten schon dreimal gebrannt hat. Der erste Brand war am 24. Mai, der zweite Brand am 25. Mai, und der letzte Brand war am 28. Oktober 2003. Bei einem Großbrand könnten wir aus einigen Teilen des Gebäudes nicht flüchten und müssten aus der zweiten Etage springen.
Am 9. November 2000, stürzte Ayischa Alieva 8,5 Jahre tödlich aus der obersten Etage in die unterste Etage des Treppenhauses. Nun wird die Familie ausgewiesen und muss das Grab ihres Kindes hinter sich lassen. Obwohl die Familie kein Geld hat, will keiner die Überführung des Leichnams bezahlen.
Alleinerziehende Frauen erhalten keine andere und geschützte Unterkunft.
Fühlt sich einer für unsere Sicherheit verantwortlich? Wir können das nicht feststellen. Liegt das nur an uns?

3. Freiheit: Deutschland hat die Menschenrechtscharta unterschrieben. Aber wir dürfen genauso wenig wie in unseren Heimatländern uns nicht frei bewegen und Bekannte besuchen oder studieren. Der Unterschied zwischen den Diktaturen, vor denen wir flüchteten, und der deutschen Demokratie ist für uns Flüchtlinge kaum feststellbar.

4. Krieg und Frieden: In der Zeit des Irakkriegs stellten sich die meisten auf die Seite der leidenden Bevölkerung im Irak. Aber die Iraker, die zu Ihnen als Flüchtlinge gekommen sind, erhalten hier keine Chance, anerkannt zu werden. Warum engagieren Sie sich für die Menschen in fernen Ländern und helfen denen im eigenen Land kaum?

5. Menschenwürde: Von manchen Plettenbergern werden wir dauernd gedemütigt. Wenn wir zur vorgeschriebenen Zeit dienstags unsere Unterhaltshilfe im Sozialamt abholen, lässt man uns oft eine halbe oder eine Stunde warten und entschuldigt das mit wichtigeren Tätigkeiten, um uns deutlich zu machen, dass alles andere wichtiger ist als wir. Wer es nicht schafft, dienstags vor 12 h seine Unterhaltshilfe abzuholen, z.B. wegen eines Arzttermins, bekommt am nächsten Tag nur gekürzte Unterhaltshilfe oder Gutschein. Das ist ein Bruch des Gesetzes, aber Praxis im Sozialamt. Wir haben nicht das Geld oder die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Gilt für uns kein Recht?

Wer neu nach Plettenberg kommt, wird zur Sozialarbeit für 1 Euro pro Stunde verpflichtet; wer schon länger hier lebt, wird nicht zur freiwilligen Sozialarbeit zugelassen und kann sich keinen Euro dazuverdienen, weil Duldung als Aufenthaltspapiere gekriegt.

Zur Zeit wohnen ca. 140 Personen in unserem Asylbewerberheim. In unserer Sammelunterkunft steht meistens nur eine Toilette, eine Dusche im Keller und ein Herd für jeweils ca. 12 Personen zur Verfügung, egal ob es Babies, Schwangere, Kranke oder gesunde Erwachsene sind. Wie sollen wir uns sauber halten können, wenn wir so dicht beieinander wohnen müssen und so wenig sanitäre Einrichtungen haben, die funktionieren? Eine zehnköpfige Familie hockt in zwei Zimmern!

6. Zukunft: Manche Flüchtlinge leben hier schon 10 Jahre. Trotzdem erhalten sie kein Bleiberecht. Jeden Monat fürchten sie, in die unbekannte und gefürchtete Heimat abgeschoben zu werden. Ihre Kinder sind hier geboren und kennen die deutsche Sprache, aber nicht ihre Heimat. Nun stehen sie vor dem Ende in Deutschland und vor einer hoffnungslosen Ausweisung in eine unbekannte Zukunft. Warum dürfen wir nach so langem Warten nicht bleiben? Wir versumpfen im Geist, werden physisch krank, ohne Aussicht, sich wirtschaftlich zu verbessern, um sich eine menschenwürdige Wohnung zu erlauben, sich weiter zu bilden.

7. Arbeit: Warum haben manche Deutschen und Plettenberger so wenig Verständnis für Flüchtlinge? Warum dürfen wir nicht mitarbeiten? In vielen anderen Arbeitsämtern erhalten geduldete Asylbewerber eine Arbeitserlaubnis, in Plettenberg nie. Warum geben Sie uns keine Chance? Wir Asylbewerber wollen nicht auf Kosten anderer leben, sondern unser eigenes Einkommen verdienen, was uns aber durch die Auflage der Gemeinnützigen Arbeit verwehrt wird.

Viele Plettenberger sind Christen. In der Bibel steht: ... So sollt ihr den Fremdling (und Flüchtling) Heben, denn ihr seid Fremdlinge im Ägypterland gewesen " (Deut 10 19) Gilt das nicht für uns?

Wir Bewohner des Asylbewerberheims aus verschiedenen Nationalitäten mit ca. 120 Unterschriften bedanken uns für Ihr Interesse, und wünschen Ihnen eine besinnliche Adventszeit und frohe Weihnachten. Wir freuen uns über Hilfe und Anregungen und stehen Ihnen gerne zu einem Gespräch zur Verfügung.

Kontakt über:
Alighazi80@web.de
Mobiltel.: 0177 420 48 73