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Großdemonstration
für die Freilassung aller politischen Gefangenen, Demokratie und Schutz
der Menschenrechte im Iran
Rede von Knut Rauchfuss, Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum
Köln, 12.02.2010
Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
Chosch amadid – herzlich
willkommen, an diesem eiskalten Freitagnachmittag hier in Köln.
Ich bedanke mich bei den VeranstalterInnen für die Gelegenheit, heute
hier im Namen der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum sprechen
zu dürfen. Die Medizinische Flüchtlingshilfe, für die ich
arbeite, ist nicht nur ein medizinisches und psychosoziales Therapiezentrum
für Überlebende von Folter und Krieg, sondern auch eine Menschenrechtsorganisation,
die, gemeinsam mit anderen Organisationen weltweit, für Freiheitsrechte
und ein menschenwürdiges Leben kämpft.
Gestern, liebe Freundinnen
und Freunde, gestern war es nun genau 31 Jahre her, dass in den Straßen
Teherans Freudenfeste gefeiert wurden. Freudenfeste über den gelungenen
Sturz des Schahs, Jubel über den Zusammenbruch seiner Diktatur und
Begeisterung für eine Revolution, die kurzzeitig Hoffnungen auf eine
andere, eine bessere Zukunft in Gang setzte. Einige von Euch – liebe
Freundinnen und Freunde –, vielleicht viele von Euch werden damals
auf dem Bahrestan-Platz oder an anderen Orten dabei gewesen sein: "Schah
raft" – „Der Schah ist weg“ stand damals auf den
Flugblättern, die von den Dächern Teherans auf die Straßen
wehten. Und weltweit hofften wir, dass damit auch die Gewalt, die Brutalität
und die schweren Menschenrechtsverletzungen im Iran ein für allemal
der Geschichte angehören würden.
Wir haben uns getäuscht
vor 31 Jahren – bitter getäuscht. Denn die Revolution war nicht
„das Ende der langen Nacht“, sie war der Beginn von 31 Jahren
Finsternis. Die „islamische Republik“ Iran, die nur wenige
Monate später aus der Revolution geboren wurde, erwies sich als eine
Republik der Henker, als flächendeckendes Gefängnis für
Frauen und als Zwangsjacke für alle freiheitsliebenden Menschen auf
iranischem Boden. Jeder fünfte Journalist, der heute gefangen gehalten
wird, sitzt im Iran hinter Gittern. Euch brauche ich dies nicht zu erzählen.
Viele von Euch sind aus genau diesen Gründen hier nach Deutschland
geflohen. Geflohen vor Folter und Haft, vor Verschleppung, Verschwindenlassen
und Mord oder eben vor der unerträglichen ideologischen Engstirnigkeit
der religiösen Eiferer.
Heute – 31 Jahre nach
den Flugblättern mit der Aufschrift „Schah raft“ –
warten wir sehnsüchtig auf den Tag, an dem endlich auch Flugblätter
mit dem Satz „Chamenei raft“ die Straßen Teherans überfluten
werden. Wann titeln die Tageszeitungen endlich mit der Schlagzeile: „Ahmadinejad
raft“? Wir sehnen den Tag herbei, an dem es endlich heißt:
die „Tyrannei ist vorbei“, „die Diktatur hat vor dem
Drang nach Freiheit kapituliert“.
In den letzten Monaten füllten
Millionen von Menschen die Straßen von Teheran und anderen Städten.
Sie forderten laut das Ende der Diktatur. Und wenn die Nacht hereinbricht,
hallen ihre tausendfachen Stimmen von den Dächern des Landes in die
Dunkelheit.
Auch gestern waren es wieder Zehntausende in Teheran, Isfahan, Shiraz,
Tabriz, Mashad und anderen Orten. Sie wurden von den Basij-Milizen durch
die Straßen gehetzt, niedergeknüppelt, mit Tränengas beschossen
und zu Hunderten verhaftet. Und während der Präsident den Atomstaat
ausrief, trieben Schüsse die Protestierenden auseinander. Seit Monaten
sehen wir regelmäßig die Bilder von blutenden Körpern,
die leblos am Boden liegen. Wir werden diese Verbrechen nicht vergessen,
wir werden die Täter verfolgen und eines Tages vor Gericht bringen.
Das Terrorregime kämpft heute seinen letzten Kampf, und irgendwann
wird es tatsächlich heißen: „Cumhuriye Islami ham raft“
– Die islamische Republik ist weg. Wenn die Nacht am tiefsten ist,
ist der Tag am nächsten, behauptet ein deutsches Sprichwort, und
der tiefste Punkt der iranischen Nacht ist längst erreicht. Aber
der demokratische Sonnenaufgang, liebe Freundinnen und Freunde, der demokratische
Sonnenaufgang kommt nicht wie ein Morgen nach durchschlafener Nacht. Es
ist an uns, unsere Freundinnen und Freunde im Iran nach besten Kräften
zu unterstützen, und deshalb sind wir heute hier. Um auch international
zu zeigen, dass wir diejenigen, die im Iran für die Freiheit ihr
Leben riskieren, nicht alleine lassen.
Aber wir sind noch viel zu
wenige. Deshalb gestattet mir ein paar Fragen an all jene Deutschen, die
heute und in den letzten Monaten nicht mit uns für die Freiheit im
Iran auf die Straße gegangen sind:
Wo sind die BürgerrechtlerInnen angesichts der Prügelorgien
auf iranischen Straßen, angesichts der Folter in den Gefängnissen
und angesichts der Hinrichtungen von Oppositionellen?
Wo sind die Feministinnen, wenn es um die Rechte iranischer Frauen geht?
Wo ist die Friedensbewegung, wo sind die AntifaschistInnen, wenn Präsident
Ahmadinejad öffentlich mit der Vernichtung Israels droht?
Und warum schweigt die Anti-Atom-Bewegung, wenn eben jener Präsident
den Iran mit stolz geschwellter Brust zum Atomstaat erklärt?
Und meine linken deutschen Freundinnen und Freunde zum Beispiel frage
ich: Noch 1967 war der Besuch des Schahs ein Auslöser für unsere
eigene Revolte. Wo seid Ihr heute? Ist ein Folterer und Mörder dann
weniger ein Verbrecher, wenn ihn Euer Idol, der venezolanische Präsident
Hugo Chavez, öffentlich umarmt?
Und die anderen Menschen? Viele sind heute hier in Köln, um Karneval
zu feiern, ein Fest, das seine längst vergessenen Wurzeln in der
Subversion, im humoristischen Angriff auf die Herrschenden hat. Den Angriff
auf die Herrschenden im Iran betreibt dort heute eine Demokratiebewegung.
Und wer Kritik übt, wird verhaftet. Würdet Ihr Euch auf die
Wurzeln Eures Karnevalsfestes besinnen, so müsstet auch Ihr Euch
gerade heute einreihen in den Protest gegen die Unterdrückung der
Freiheit im Iran.
Und die Herrschenden hier in
Deutschland? Wann ist die Bundesregierung endlich bereit, wirksame Sanktionen
gegen die Diktatur der Mullahs zu verhängen? Kann die Zögerlichkeit
daran liegen, dass deutsche Firmen sehr gut daran verdienen, wenn sie
mit dem Regime in Teheran regen Handel betreiben?
Und nicht nur deutsche Firmen. Weltweit lassen sich mit der Unterdrückung
der Demokratie gute Geschäfte machen. Nokia-Siemens – um nur
ein Beispiel zu erwähnen – hat genau diejenige Technologie
bereitgestellt, die es dem Regime ermöglicht, die gesamte Telekommunikation
im Iran zu kontrollieren und zu zensieren. Und die Weigerung von China
und Russland, im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wirksamen Wirtschaftssanktionen
zuzustimmen, wird durch den Iran mit umso besseren Wirtschaftsbeziehungen
belohnt.
Liebe Freundinnen und Freunde,
wir können auch hier etwas tun. Machen wir weltweit Druck, dass dem
Regime in Teheran die Unterstützung entzogen wird. Begraben wir die
eigene Zerstrittenheit und unterstützen wir diejenigen, die auf den
Straßen der iranischen Städte ihren Kopf hinhalten. Verbreiten
wir ihre Forderungen, ihre Bilder, ihre Videodokumente und alles, was
sie der Welt zu sagen haben.
Liebe Freundinnen und Freunde, wir wissen, was im Iran passiert, wir kennen
die verbrecherischen Führer aus dem Wächterrat, aus der Regierung
und aus den Milizen. Lasst uns die Beweise für die schweren Menschenrechtsverletzungen
zusammentragen, bis der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag nicht
mehr anders kann, als internationale Haftbefehle gegen die Verbrecher
zu erlassen.
Und lasst uns denjenigen helfen, die im Iran nicht länger bleiben
konnten und hier in Deutschland Zuflucht suchen, denn von 2008 auf 2009
ist die Zahl der Asylanträge von Flüchtlingen aus dem Iran um
fast 45 Prozent gestiegen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
es ist kalt hier auf dem Kölner Rudolfplatz und ein paar von Euch
zittern schon. Nur vor Kälte zu zittern ist vergleichsweise komfortabel.
An die iranische Diktatur aber und an die brutale politische Kälte,
die von ihr 31 Jahre lang ausgegangen ist, senden wir die Botschaft, dass
das Zittern der Menschen endgültig ein Ende hat. In den iranischen
Straßen ist das frische Grün des Frühlings ausgebrochen
und es wird sich unaufhaltsam vervielfachen. So lange, bis die „islamische
Republik“ nur noch ein trauriges Kapitel der Weltgeschichte ist
und in den Straßen von Teheran auf immer Freudenfeste der Demokratie
gefeiert werden können.
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